Geschichten, die mich in ihre Vergangenheit entführen und an Orte, wo mich sonst kein Weg hinführen würde, die ein Spiegel sind für ihre Zeit, Erzähler, die dem Vergessen entrissen werden, was mag ich das gerne. Kaum erklärbar ist, finde ich, warum manche Geschichten gestrig und universell zugleich sind und obwohl aus der Zeit gefallen, heute noch immer so gut passen. Ganz eindeutig gehört diese Erzählung, deren Kurzgefasstheit eine ganze Welt auferstehen lässt dazu und das obwohl man es auf den ersten Blick und ersten Satz so gar nicht vermuten würde …
Das Grab des Webers von Seumas O’Kelly
Mortimer Hehir ist tot und seine Bestattung gestaltet sich schwieriger als gedacht, denn seine Witwe hat keine Ahnung, wo die Grabstätte seiner Familie liegt, in der er beigesetzt werden soll. In der er beigesetzt werden darf. Denn dieser Friedhof steht nicht jedem zu. Wer jetzt den Kopf schüttelt und etwa an moderne Zentralfriedhöfe denkt, wo es Wegenamen und Nummerierungen gibt, der kennt Cloon na Morav nicht. So heißt der alte Friedhof in dieser Erzählung.
Hier hat es zuletzt vor fünfzig Jahren eine Beerdigung gegeben. Kaum ein Grabstein, der mittlerweile nicht schief steht und Moos auf dem Rücken haben alle …
Seumas O’Kelly, geboren zwischen 1875 und 1881 in Loughrea im County Galway/ Irland, verstarb 1918 nach der Erstürmung der Redaktion von The Nationality an einer Hirnblutung, mit nur siebenunddreißig Jahren. Der Journalist und Autor O’Kelly war der damalige Leiter dieser Zeitung, einer Stimme der Sinn Féin.
Seine Kurzgeschichte „The Weaver’s Grave“ wird als Meisterwerk dieses Genres gehandelt. Zurecht. Finde ich, sie ist zum Niederknien geschrieben, was wir im Deutschen der Übersetzungskunst von Kurt Heinrich Hansen zu verdanken haben. Auch ihn würde ich gerne hochleben lassen dafür, wie er Sätze geschmiedet hat, die bleiben.
Am liebsten in einem Rutsch inhalieren möchte man die 96 Seiten und genau das auch wieder nicht. Denn viel zu schnell ist man sonst am Ende dieses Textes angelangt. Ich habe mir Satz für Satz oft mehrfach auf der Zunge zergehen lassen um das hinauszuzögern.
Als Fangirl der irischen Autorin Claire Keegan, die ich regelmäßig als Meisterin der Verknappung feiere, habe ich die Entdeckung von O’Kelly sehr genossen. Auch an einen weiteren irischen Lieblingserzähler habe ich denken müssen, an Bill Murray und seinen Roman Der Stich der Biene, der liebevoll gezeichneten Figuren wegen, die in beiden Geschichten ihre Auftritte haben.
Bei O’Kelly wird drauflos gegrantelt das es eine Freude ist, dafür zuständig sind überwiegend die beiden vom Bestattungsunternehmer abgeordneten „Grabstättensucher“ Meehaul Lynskey, seines Zeichens Nagelschmied und Cahir Bowes, der Steinbrecher. Sie beschwören vor unseren Augen eine Welt herauf, die es so nicht mehr gibt, geliebt habe ich das.
Beide haben, ist klar, mit allem recht, Widerspruch zwecklos, dabei sind sie sich selbst nicht grün und das man eingedenk der Tragik des Ereignisses gerne auch mal auflachen möchte, ist diesem bittersüssen Meisterstück, einem außergewöhnlichen Stück Literatur geschuldet.
Lynskey und Bowes rasten ratlos auf Grabsteinen, an Gräbern, deren Bewohner ihnen offenbar allesamt bekannt sind und überblicken das Geschehen wie Waldorf und Statler in Jim Hensons Muppet Show. Sorry, für diese Assoziation, aber ich konnte sie schlicht nicht unterdrücken und erwähnen muss ich noch, dass die zwei Nörgler immer meine Lieblinge in dieser Sendung waren.
Diese charmante Figurenzeichnung, gepaart mit einem herrlich lakonischen und leicht angestaubten Ton, der vom Erinnern und Vergessen erzählt und davon, wie es ist, wenn es von denen, die sich noch erinnern können nicht mehr viele gibt, ist es, die mich zuvorderst beigeistert hat.
Einer der sich an das Grab des Webers auch noch erinnern können soll, ist Malachi Roohan der Küfer, dessen Tochter Nan den ebenfalls scharfzüngigen Vater duldsam pflegt. Er kommt ins Spiel, als das Team, das durch die verfallenen Grabsteine irrt, sich beständig uneins ist, wo denn besagte Grabstätte zu finden sei und schließlich aufgeben will. An sein Bett tritt die Witwe, die vierte Frau des Webers und erkennt, dass sie hier wohl einen alten Freund ihres Mannes vor sich hat. Einen, der sich mit letzter Kraft noch ans Leben klammert und an seine Selbstbestimmtheit. Mit einem Seil richtet er sich von seiner Liegestatt auf, mumienhaft erstarrt wirkt er, helfende Hände stößt er von sich.
Seumas O’Kelly ist ein wahrhaftiges Porträt einer ärmlichen ländlichen Gemeinschaft gelungen. Er zeichnet ein Bild davon, wie man mit Tod, Ausgrenzung und Würde umgegangen ist. Die Geschichte wirkt auf den ersten Blick schlicht, entfaltet aber rasch eine emotionale Tiefe, gesellschaftskritischer Anklänge gibt es obenauf.
Besonders beeindruckend hat mich seine ruhige, beinahe nüchterne Erzählweise. Gerade weil O’Kelly auf übertriebene Dramatik verzichtet, wirkt seine Geschichte umso stärker. Er lädt uns ein, über Fragen von Menschlichkeit, Respekt und sozialer Gerechtigkeit nachzudenken. Sein Weber erscheint mir dabei weniger als individuelle Figur, denn als Symbol für all Jene, die am Rand der Gesellschaft stehen und deren Schicksal oft unbeachtet bleibt.
Sehr gekonnt lässt O’Kelly in einer von Melancholie geprägten Grundstimmung, eine stille Kritik daran zwischen den Zeilen stehen, Menschen nicht nach ihrem Nutzen oder ihrem Status zu bewerten, Menschenwürde nicht von Reichtum oder Anerkennung abhängig zu machen …
Lieben Dank dem Jung und Jung Verlag für das Besprechungsexemplar, der dieser Perle mit einer Neuauflage und großartigem Cover eine Wiederentdeckung ermöglicht.

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