Ultramarin (Ann-Christin Kumm)

Geschichten lesen oder hören, die den Sommer wecken. Jetzt, wo der Mai nach einem ersten Hitze-Intermezzo den Staffelstab an den Juni übergibt. Aber nach Erdbeereis sollen sie nicht schmecken, sondern eher ein bisschen bittersüß. Bitterschokolade das ist eher mein Ding, wenn ich am Eisstand stehe und entscheiden soll, das kombiniere ich dann mit Pistazie oder Minze. Was sich schön ausgleicht am Gaumen und in dieser Story hier, da funktioniert das genauso. Sie schmeckt nach Sonne, aber süß wird sie nicht. Im Gegenteil, so manche Reaktion hier ist ziemlich bitter. Für das jeweilige Gegenüber. Für uns Lesende ist das nicht nur kurzweilig, sondern sogar extrem spannend …

Ultramarin von Ann-Christin Kumm

Rafael, Lou, Nora und Sophie wollten eigentlich gemeinsam in die Ferien. Ans Meer. Nach Dänemark. Bevor dort alles anders werden würde, als sie es kennen und lieben. Raf und seine Schwester Sophie wollten die Freunde mitnehmen, in das Haus ihrer Tante, das sich dort, noch alleine, in die Dünen duckt. Ein groß angelegtes Bauprojekt sollte alsbald ganz in der Nähe beginnen. Dann würde es diesen Ort, der die Sommer ihrer Kindheit gespeichert hatte, so nicht mehr geben.

Sehr kurzfristig hatte sich dann Sophie, die Klimaaktivistin im Team, genauer gesagt, am Tag der Abreise, wegen einer wichtigen Aktion aus ihrem Ferienprojekt ausgeklinkt und so waren sie jetzt zu dritt unterwegs.

Lou, der anders als die beiden Geschwister Raf und Sophie, nicht aus einem wohlhabenden Elternhaus stammte und dessen alleinerziehende Mutter beide mehr schlecht als recht durchgebracht hatte, konnte mit Nora, Sophies Freundis nichts anfangen. Gleich zu Beginn knirscht es zwischen den beiden. Sie drängt sich ihm auf. Er zeigt die kalte Schulter, denn verliebt ist er in Rafael. Wahrscheinlich liebt er ihn sogar. Weswegen er wie selbstverständlich und ungefragt kocht und backt, das ist seine Währung, wie sich alsbald hierausstellt. Denn Rafael und Sophie nehmen kein Geld von ihm. Auch nicht, als er zuletzt bei ihnen eingezogen ist, als er blieb bis er es nicht mehr aushielt. Weil Raf ihn betrog. Offen und ohne seine Verletztheit auch nur Ansatzweise wahrzunehmen. Im Gegenteil. Die Sache mit Jakob, über die wir zunächst nicht viel erfahren, bis ein Geständnis allem die Krone aufsetzt.

Die Krönung ist auch, was Lou sich sonst so gefallen lässt und wie ergeben er diesem Narzissten Rafael ist. Nach Jakob und auch noch als er in diesen Ferien eine Haarspange auf dem Teppich findet. Wie kann die Rafael so dermaßen aus der Fassung bringen und warum war Nora, von jetzt auf gleich und ohne sich zu verabschieden, einfach abgehauen …

Ann-Christin Kumm, lebt und arbeitet als Texterin und Gärtnerin in Berlin, sie habe über menschliche Abgründe schreiben wollen, sagt sie in einem Interview und das hat sie. Mit „Ultramarin“ ihrem Debütroman, legt sie in dieser Hinsicht gut vor, so das man gespannt sein darf, was da noch kommt. Meisterlich dreht sie Umdrehung für Umdrehung an der Spannungsschraube. Lässt in der Schwebe, wer hier eigentlich wen manipuliert. Beständig hat man als Lesende das Gefühl gleich passiert es, das Unvermeidliche, wir steuern unter vollen Segeln auf eine Katastrophe zu und immer wieder schiebt sie diese durch Rückblenden hinaus. Leuchtet insbesondere das Aufwachsen von Lou aus. Woher kommt sie, diese Kniefälligkeit Rafael gegenüber? Der mit ihm spielt. Ihn betrügt sind sie zusammen. Ihn gehen lässt, wenn er muckt. Der ihn maßregelt und klein hält.

In dieser Geschichte von Ängsten, Zweifeln, Abhängigkeiten und Manipulation. Der Geschichte einer Freundschaft, die bei näherer Betrachtung toxisch ist und die Bezeichnung Freundschaft nicht wirklich verdient.

Wie kann Lou seinem „Freund“ nur unentwegt alles verzeihen? Alles entschuldigen. Jede verbale, jede körperliche Verletzung, selbst den Versuch ihn zu ertränken. Also ich werte das so. Lou sieht auch das natürlich anders.

Kumms Prolog gründet bereits eine böse Vorahnung in mir und die in ihm unterschwellig erzeugte Spannung hält sich nicht nur konstant, sondern schwillt an wie Ballon, den man langsam aufpustet. Bis er platzt.

Natürlich wird das in diesen Ferien eine menage à drois. Das ist rasch klar. Wie aber alles mit allem zusammenhängt. Das nicht. Kumm lädt die Grundstimmung auf wie ein Gewitter die Luft, fiebrig ist sie beinahe. So einige Spannungen gründen auf Begehren. Das wer mit wem und warum wird geschickt verschachtelt erzählt und das was am Ende geschieht, das was der Prolog vorweg nimmt, schwebt wie ein Damoklesschwert über allem.

Über ihnen:

Rafael dominant und präsent, der sich offenbar für unwiderstehlich hält und nicht nur das. Einen regelrechten Besitzanspruch erhebt er. An Lou. Toxisch ist das. Dann Lou, schüchtern und voller Selbstzweifel. Nora, die macht auf unschuldiges kleines Mädchen, hat es aber fausdick hinter den Ohren und die abwesende Sophie, rebellisch und selbstbestimmt, sie steht wie ein Geist zwischen ihnen. Genauso wie Jakob, der schon mit siebzehn so genau zu wissen schien wer er war und was er wollte und über dessen Verhältnis zu den Protagonisten wir im Verlauf des Romans mehr erfahren und ja, dieser Roman ist wie gemacht für gewittrige Sommertage. Für einen Urlaub am Meer. Oder Ihr nehmt auf dem Weg dorthin das Hörbuch mit, das einen, wenn man es einmal auf den Ohren hat, an sich bindet wie eine Klette.

Was auch sein Verdienst ist:

Jannik Schümann, geboren am 22.Juli 1992 in Hamburg, studierte Englisch und Medienwissenschaften in Berlin, arbeitet als Schauspieler, Musicaldarsteller und Hörbuchsprecher. Er liest die ungekürzte Hörbuchfassung erschienen bei DAV in rund sechs Stunden, mit einer Verletzlichkeit in der Stimme die überrascht und die außerordentlich gut zu Kumms Ich-Erzähler Lou passt. Sensibel für die Zwischentöne routet er uns durch die Untiefen dieser Beziehung.

„Man will nur kurz reinlesen ung kommt nicht mehr los, von dieser Freundschaft – oder ist es Liebe? – die zur Falle wird.“ Mit diesem Satz wird Zoë Beck, Autorenkollegin von Ann–Christin Kumm auf dem Klappentext zitiert. Kann ich nachvollziehen. Der Roman ist ein easyread mit Tiefgang zum Fäusteballen. Sehr gut konstruiert und mit einer überzeugenden Figurenzeichnung ausgestattet. 

Neu ist Kumms Grundidee nicht, man hat Geschichten wie ihre so schon ähnlich von anderen gelesen hat, das sprichwörtliche Rad wurde hier nicht neu erfunden. Was den Roman für mich auszeichnet, ist seine Dynamik, die Zuspitzung, die er auf den letzten Metern erfährt, die man sich, ich mir, kopfschüttelnd erlauscht habe. Als das Blatt auf dem Tisch liegt ist es immer noch nicht besser mit meinem Kopf. Er schüttelt sich immer noch. So kann es gehen und so geht es hier also zu Ende.

Diese beiden da, am Ende der Geschichte, sind am Ende ihrer Weisheit. Vielleicht ist es die schiere Panik und Verzweiflung die Dinge so zu handeln. Konsequent ist dieser Schluss, auch wenn ich mit ihm hadere und Lou wünsche, er möge seinen Mut noch finden.

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