Tata – oder das Geheimnis meiner Tante Colette (Valérie Perrin)

„Gefühle lernen nicht dazu.“ Zitat Valérie Perrin

Valérie Perrin, geboren am 19. Januar 1967 in Remiremont, aufgewachsen im Burgund, französische Schriftstellerin und Setfotografin, gilt inzwischen als meistgelesene Autorin Frankreichs. Ihren Debütroman veröffentlichte sie 2015, zwei Jahre später erschien die deutsche Übersetzung „Die Dame mit dem blauen Koffer“. Ihr zweiter Roman verkaufte sich mehr als drei Millionen Mal weltweit und soll 2026 im Kino gezeigt werden. „Violette oder frisches Wasser für die Blumen“ heißt er und ist am 28.5.26 in deutscher Übersetzung, übertragen von Katja Hald und Elsbeth Ranke erschienen. „Trois“, ihr dritter erschien im April 2021. „Tata“ ist ihr vierter Roman, der im französischen Original bereits 2024 erschien und seit Mai diesen Jahres, einfühlsam übersetzt von Hanne Reinhardt in deutscher Übersetzung erhältlich ist. Für mich hat Reinhardt die 624 Seiten der Printausgabe im Deutschen in pures Lesevergnügen verwandelt und darum geht es:

Die „Tata„, Tante, im Roman heißt Colette Septembre, wir begleiten sie durch ihre Kindheit und Lehrzeit, freuen uns darüber, dass sie nach dem Tod des Vaters in dessen Verpächterin, der Marquise de Seneschal, eine Mentorin findet, die nicht nur ihr die Ausbildung zur Schusterin finanziert. Sie hält auch die Hand über Jean, ihren kleinen Bruder, der begabt wie Mozart, mit dem absoluten Gehör zur Welt gekommen ist. Ein hartes, entbehrungsreiches Leben ist das, was Colette von Kind auf gewohnt ist. Die Mutter hart im Herzen, der Vater streng und unnachgiebig bis zu seinem Unfalltod. Zu Schule zu gehen hatte er ihr, der ältesten Tochter versagt. Auf dem Hof hatte sie schuften müssen. So gehörte sich das.

Die Geschichte startet 2010. TikTok gab es noch nicht. Nikola Sarkozy war Frankreichs Präsident. In Dubai wurde der höchste Wolkenkratzer eingeweiht und laut den Wetteraufzeichnungen, war es das heißeste Jahr seit man mitschrieb.

Am 21. Oktober eben dieses Jahres erhält die Nichte von Colette Septembre einen Anruf der Polizei. Man teilt ihr bedauernd mit, dass ihre Tante verstorben sei. Wie bitte? Man hatte die Tante doch bereits vor drei Jahren beerdigt!

Agnès, Drehbuchautorin, Regisseurin und Nichte, war die letzte lebende Verwandte von Colette und ihr fiel jetzt die Pflicht zu, die Tote zu identifizieren. Der Ausweis, den man bei der Leiche gefunden hatte war auf Colette ausgestellt, ein Zettel mit einem Notfallkontakt und ein letzter Wille riefen nach Agnès. Was war da los? Wen hatte man vor Jahren zu Grabe getragen in der Annahme es sei Colette? Zugegeben bei der Beerdigung war Agnès nicht anwesend gewesen, dreizehn Stunden Flugzeit von Los Angeles hatten sie abgehalten und sie kannte die Tante im Grunde kaum. Vier Jahre hatte sie da schon in Kalifornien gelebt und gearbeitet, zwar jeden Dienstag mit Colette telefoniert, aber im Grunde nur über Nichtigkeiten geplaudert.

Bis zu ihrer Volljährigkeit hatte Agnès alle Ferien bei ihrer Tante und ihrer Tim und Struppi Comic-Sammlung in der Bourgongne verbracht. Freunde gefunden, sich gelangweilt und irgendwie hatten ihre Tante und sie nie wirklich etwas miteinander anfangen können. Trotzdem war da immer ein Band gewesen das sie hielt.

Colette, alleinstehend und kinderlos, gelernte Schuhmacherin, eigenwillig, Fußballfan, pflegte als junge Frau regelmäßig und gelegentlich zu verschwinden. Agnès, war die Tochter ihres Bruders Jean, dessen Tod sie nie verwunden hatte.

Das Rätseln geht los und es steht eine Exhumierung an … Davor liegen 12.000 Minuten auf Band in einem Koffer voll mit Kassetten. Aufgeno men und besprochen von Colette. Blinde Flecken, eine Freundschaft im Geheimen und Fußballfieber.

1959, ein Menschenzoo, ein Zirkus kommt in die Stadt und mit ihm ein Mädchen, genauso alt wie Colette, es gleicht ihr auf’s Haar. Warum sehen sich dieses Bauern- und das Zirkusmädchen so ähnlich? Sie suchen die Nähe zueinander, sind angezogen voneinander. Sind sich gegenseitig ein Spiegelbild. Eines, das jeweils ein anderes Leben führt.

Rückblenden führen uns nicht nur durch das Leben von Colette, so eine sympathische, eigenwillige Frau, sie leuchten Schnittstellen aus, Verbindungen, Trennungen. Insbesondere die von Agnès und Pierre. Der ist Mann, ein Schauspieler, der sie verlassen, sie ausgetauscht hat, um mit einer Jüngeren zu leben.

Die Zeit dehnt sich und ein Handy landet nach einem Wurf und Gespräch an der Wand. Eine detektivische Zeitreise öffnet Türen, von denen man gar nicht wusste, dass sie da sind. Man fühlt und begreift. Puzzleteil für Puzzleteil fällt an seinen Platz.

Es gibt mehr Eingeweihte als gedacht, aber so schnell lässt uns Valérie Perrin noch nicht in die Nähe der Lösung ihres Rätsel um Colette. Sie umkreist die Auflösung wie Motten das sprichwörtliche Licht und in der sehr gelungenen Hörbuchfassung drückt Agnès immer wieder auf den Knopf eines alten Kassettenrekorders, hört die Stimme ihrer Tante und beginnt zu verstehen.

Die ungekürzte Hörbuchfassung mit rund 20 Stunden Hörzeit ist wie gemacht zum Abtauchen und das sich abwechselnde Vorlesen von Ulrike Kapfer, Gabriele Blum und Florian Clyde mit verteilten Rollen, macht sie sehr authentisch.

Halb Spannungsroman, halb Familienroman„, titelte Le Figaro, das unterschreibe ich. Heftet sich doch ein kaltblütiger Mann an die Fersen von Colettes Freundin und am Ende auch an die von Agnès. Diese Reise mit ihr auf den Spuren ihrer Tata nach Gueugnon in die Bourgogne und in deren Vergangenheit, ist herrlich verwoben und dicht erzählt.

Valérie Perrin plaudert ihre Geschichte angeregt daher, löst ihre Geschichte mit einem Twist auf. Man ahnt und fürchtet sich mit ihrer Heldin Agnès davor, was ans Licht kommen wird und ist dann doch perplex angesichts dieser Wendung. Alltagsbeobachtungen werden kombiniert mit Erinnerungsfetzen, das ist kurzweilig und ausgesprochen szenisches, ja filmreife Erzählen, sehr gut ließe sich die Geschichte in Bilder übersetzen.

Die größte Stärke des Romans liegt für mich in seiner Architektur. Perrin erzählt nicht chronologisch, sondern verknüpft verschiedene Zeitebenen miteinander. Wie bei einem Puzzle entsteht erst nach und nach das Gesamtbild. Eines, das man so nicht erwartet. Die Spannung hält Perrin durch schrittweises Enthüllen von Zusammenhängen, Blickwechsel ergänzen und verblüffen.

Warmherzig, kitschfrei und mit großer Empathie für ihre Figuren erzählt Perrin, wie in einem Reigen betreten und verlassen ihre Protagonisten die Erzählbühne, ihre Colette belässt sie dabei als Konstante im Zentrum der Handlung. 

Anspruchsvoll konstruiert, vielschichtig und atmospährisch erfordert diese komplexe Erzählstruktur zwar etwas Konzentration, dafür wird man aber mit einer wunderbar ausbalancierten und zugänglichen Prosa verwöhnt und so manchen Satz mag man sich da gerne behalten.

Man erschliesst sich nach und nach eine Geschichte, die sich, so charmant und stimmungsvoll ist sie erzählt, wie ein Urlaub auf dem Land anfühlt. Mit einem ausgesprochen liebevollen Blick für Details schreibt Valérie Perrin. Wenn man sich hier umarmt erfahren wir, ob SIE nach Geißblatt oder ER nach Amber oder Vetivier wir duftet. Diese Kleinigkeiten sind es, die ihren Roman zu einem lesenswerten Schmöker mit reichlich Lokalkolorit machen.

Allein an der Oberfläche bleibt er dabei aber nicht. Auch ernste Themen werden verhandelt. Sie schieben sich zwischen die Szenen wie dunkle Gewitterwolken. Die Schrecken des Holocausts etwa, gewalttätige Väter, Kindesmissbrauch, die Macht des Patricharchats, Fremdheit, aber zum Glück auch Selbstermächtigung, Zugewandheit und Güte stecken in diesem bunten Strauß von einem Roman, bei dem ich sehr gerne ganz Ohr war. Wer noch ein Sommerbuch sucht, „Tata“ hier ist es …

„Ich bin das Kind verschiedener Geschichten und in diesen Geschichten liegt eine Kraft. Ich bin es mir schuldig sie weiter zu erzählen.“ Textzitat Valérie Perrin

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