Träume träumen. Von einem Leben wie es sein könnte. Musik machen. Gesehen werden. Wie man ist. Nicht verspottet. Weil man da her kommt, wo man herkommt.
Zumeist ist das anders und hier ist es das auch. Hier, wo Vorgärten mit Autoleichen verstopft sind. Die Vorhänge dunkelgrün und dicht. Auf dem Schrottplatz wird mit Drogen gedealt. Es hat gewalttätige Väter und übergriffige Lehrer. Jugendliche, die aus Langeweile den Nestbewohnern einer nahegelegenen Pinguinkolonie mit Baseballschlägern auf den Leib rücken und andere, die Wischmops und Besen zu Luftgitarren machen. Dazwischen Touristen, die herkommen die Natur zu bewundern. Wellen, die man surfen kann. Schule ist zum Schwänzen da und Musik, Musik ist einfach alles.
Der Soundtrack ihres jungen Lebens stammt von Nirvana und Kurt Cobain ist ihr Held. In Bloom singen sie, Come as you are brüllen sie, Lithium lieben sie. Sie nennen sich The Bastards, weil ihre Väter kennen diese Mädchen nicht und sie sind zu dritt, waren zu viert, bis Lily entschied sie fallen zu lassen. Dieser Bruch teilt ihre Zeitrechnung wie Moses das Meer. In die Zeit bevor sie mit Lil befreundet waren und in die danach und genau davon erzählen sie uns.
Das hübsche Cover dieses Romans sieht nach einer leichten, unbeschwerten Sommergeschichte aus, aber Vorsicht, es hat es faustdick hinter seinem Buchdeckel und es kommt im Inneren komplett schonungslos vor einer trostlosen Kulisse daher. Als Gegengewicht spielt seine Autorin die Lebensfreude dreier Teenager-Mädchen aus.
Willkommen in den Neunzigern. Willkommen, im Herzen einer australischen Kleinstadt, wo die Herzen heiß sind und die Köpfe nicht kühl. Genug.
In Bloom von Liz Allan
Als sie ihn in den Polizeiwagen und auf den Rücksitz bugsierten sah die ganze Schule zu und Mr P, ihr Lehrer, den sie da gerade abführten, sah zu Boden. Die ganze Zeit. Jetzt waren The Bastards gehörig am Ärmel. Aber sowas von. Er war der einzige, der sie und ihre Musik unterstützt hatte, der sie in fünf Wochen zu DEM Bandwettbewerb hatte fahren und begleiten wollen. Zu dem Wettbewerb, der alles, aber auch alles für sie ändern würde. Der Plattenvertrag, den es zu gewinnen galt, sollte ihr Ticket hier raus sein. Raus aus dieser Kleinstadt, in der die Langeweile regierte, in der ihre Mütter wechselnde Männer hatten, denen nur zu gerne mal die Hand ausrutschte. Raus, aus dieser Stadt, in der sie jetzt seit zwei Jahren nicht mehr mit Lily befreundet waren.
Diese Verhaftung und der Verdacht, den man offen spekulierend äußerte: Mr P habe Lily, ihre Ex- Leadsängerin, in einen Transporter gezerrt und entführt und … war unglaublich. Lily will ihn erkannt haben, trotzdem der Täter Mütze und Sonnenbrille getragen hatte. Die drei Mädels der Bastards werden zu Detektiven. Sie müssen und sie halten sich nicht von denen fern, von denen sie es besser getan hätten …
Liz Allan, australische Schriftstellerin, machte ihren Master in Kreativem Schreiben und Pädagogik an der Universität von Adelaide, veröffentlichte bislang Kurzgeschichten und arbeitet heute als Lehrerin an einer Mädchenschule in Großbritannien. Ihr Roman IN BLOOM wurde vom Observer zu einem der besten Debütromane des Jahres 2026 gewählt.
In Bloom, ist der Titel eines Nirwana Songs, was ich bislang nicht wusste, weil das nicht so meine Musik ist. Aufblühend, das sind die Teenager-Freundinnen dieser Geschichte, sie suchen nach ihren Stimmen, suchen danach Gehör zu finden und das mochte ich sehr. Dabei hätte ich, so viel ist sicher, von selbst nicht nach diesem Roman gegriffen, hätte ihn unterschätzt und wäre er mir nicht als Empfehlung in den Briefkasten geflattert, lieben Dank an das Team des großartigen Schweizer Unionsverlages, hätte ich einen Roman verpasst, der einen ausgesprochen coolen und eigenwilligen Sound hat.
Das die Autorin in ihrem Roman keinen Ich-Erzählton, sondern einen frischen und überraschenden Uns-Erzählton anschlägt ist großes Kino. Alles machen diese drei gemeinsam. Alles halten sie gemeinsam aus. Ihre Zeitrechnung teilt sich mit dem Ende der Freundschaft von Lily, in die Zeit bevor sie mit Lilly befreundet waren und in die danach. Das ist Coming of Age der ganz besonderen Art. Diese drei schließt man sofort ins Herz, okay, manchmal will man sie auch schütteln.
Als ob
Als ob Mädchen
Als ob Mädchen wie wir
Als ob Mädchen wie wir je gewinnen.Textzitat Liz Allan
Unbeschwertheit meets Naivität. Liz Allans Spiel mit Perspektive, mit dem was wir verdrängen wollen, müssen, um weiter machen zu können, mit unterschiedlichen Wahrnehmungen, fand ich beeindruckend.
Im konkreten Fall wollen, können, drei Mädels nicht sehen, nehmen leicht was schwer ist und man staunt. Wie das gehen kann. In diesem Roman geht es sich aus, er hält die Balance perfekt, zwischen dem was im Leben beschwert und der Leichtigkeit, die es braucht um damit umgehen zu können.
Kurze Kapitel, Aufzählungen und immer wieder hat es Sätze, die wie Faustschläge treffen. Sie beschreiben, stellen fest, landen in meiner Magengrube. Bleiben. In der Luft hängen. In meinem Kopf. Erzeugen Bilder, zeigen das Leben, wie es hier ist. Ein Leben, dass sich diese Mädchen erträumen. Leben die vorgezeichnet sind. Das Leben ihrer Mütter. Die im Überlebensmodus agieren. Immerzu.
Nachbarkapitel heißen hier „Milchkühe“ und „Militärschlag“ und Geschichtslehrerinnen reden bis ihnen die Brille beschlägt. Es fehlt an Geld für Schulausflüge. Es fehlt immer an Geld. Für alles.
Dafür weiß man hier, wenn im Wasser etwas das eigene Bein streift, dann schwimmt man ruhig zurück zum Ufer, ohne nach unten zu sehen. Hier hat man keine Angst vor Haien. Höchstens vor Vätern, die keine sind.
Die Uhr tickt und die Zeit rennt. Am Ende sind es nur noch fünf Tage bis zu besagtem Bandwettbewerb und The Bastards haben keine Ahnung und keine Unterstützung um dorthin zu gelangen. Die Lage eskaliert. Und zwar so richtig.
Dieses Wettrennen gegen die Zeit, kombiniert mit Rückblenden und mit der Wahrheit, die sich unterschwellig anschleicht, habe ich so gerne gelesen. Kaum zu glauben, aber tatsächlich könnte das hier die Geschichte meines Sommers 2026 werden. Eines Sommers, der schon im Juni mit Hitze so dermaßen drückt, dass man es nur in abgedunkelten Zimmern aushält. Mir fehlt es draussen sein zu können, nur am späten Abend ist er da, der Duft meines Sommers, nach Lavendel, Thymian und Rose, diesem Roman hier fehlt es zum Glück an nichts. Es gibt rein gar nix zu meckern, dafür viel was mir gefallen hat. Der Erzählton, die Wir-Perspektive, die Chronologie des Erzählens, so konsequent, die bis zum Schluss namenlos bleibenden Heldinnen und ihre Leidenschaft, sie wollen das Leben bei den Hörnern packen. Aber so richtig.
Ihre Geschichte rast vor Wut, sehnt verzweifelt und ihr Ende lässt mich wütend die Fäuste ballen. Jetzt kenne ich die Namen der Bastards und ich sehe Euch!
Übersetzt hat den Text, Liz Allan und sie haben sich damit in mein Herz geschrieben, modern und erfrischend, Lisa Kögeböhn, die uns auf ihrem Instagram Account nicht nur regelmäßig mit verblüffenden Satzunterschieden aus der Übersetzerinnentrickkiste, sondern auch mit leckeren Backrezepten verwöhnt.

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