Prinzessin Alice (Irene Dische)

Sie war die Urenkelin von Queen Victoria, die Mutter von Philip Mountbatten, die Schwiegermutter von Königin Elisabeth II. und die Großmutter von Charles Ill.: Victoria Alice Elizabeth Julia Marie Prinzessin von Battenberg. Geboren am 25. Februar 1885 in Windsor Castle, verstorben am 5. Dezember 1969 im Buckingham Palace. Verheiratet mit Prinz Andreas von Griechenland, mit ihm hatte sie fünf Kinder. Vier Töchter, Margarita, Theodora, Cecilia und Sophie und einen Sohn, Philip, der spätere Duke of Edinburgh.

Mit ihren Kindern und ihrem Mann lebte Prinzessin Alice nach ihrer Heirat 1903 bis 1922 in Athen und später auf Korfu, bis Prinz Andreas, nachdem Kemal Atatürk das griechische Heer besiegt hatte, des Landes verwiesen wurde. Die Familie floh nach Frankreich, wo sie verarmt lebte.

Hier setzt dieser bemerkenswerte Roman, über die gehörlos geborene Prinzessin an, die sich selbst das Lippenlesen in mehreren Sprachen beibrachte, genauer im Jahr 1922, im wechselvollen Leben jener Frau, der ebendieses und auch ihre Familie, übel mitgespielt haben.

Prinzessin Alice von Irene Dische – einfühlsam übersetzt aus dem Englischen von Tanja Handels

Man, ihre Mutter, war nicht gewillt ihre Tochter, die taube Prinzessin, zu unterstützen. Wenn sie etwas nicht verstand, durfte es nicht wiederholt werden. Die Anweisung an die Nanny war klar und eindeutig, einer Herrscherin widersetzte man sich nicht und so lernte die junge Frau fließend Lippen lesen und am Ende sprach sie mehr Fremdsprachen als ihre Geschwister.

Es gelang sie zu verheiraten trotz dieses Makels der Gehörlosigkeit. Sie fand ihren Prinzen. Er hieß Andreas, er schenkte ihr Griechenland und fünf Kinder, darunter ein Sohn. Philip. Ihr Liebling. Überhaupt war ihr Familie wichtig. Das sie die ihre verlieren würde, davon war in diesen Jahren in der Sonne des Südens noch nichts zu spüren.

Neid ist die Mutter der Katastrophe, meinen Irene Dische und Tanja Handels und ich halte die Luft an.

Als ihr Mann Andreas diese Schlacht verlor und sie fortgejagt wurden, als sie in Paris bei ihrer Schwägerin unterkamen und sie, Alice, die Familie mit Nähwerk und Handarbeiten über die Runden brachte, da deutet es sich an. Das Unheil. Marie, die Schwägerin, war neidisch. Vielleicht auf ihr Aussehen, vielleicht auf ihre Liebe zu Jesus, wer weiß das schon, in jedem Fall, fand sie das Verhalten von Alice mehr als unangemessen. So zu beten, dass sie regelmäßig in Ekstase verfiel, das ganze Haus hallte davon wider. Es musste etwas geschehen und es geschah. Alice landete auf einem OP-Tisch und dann, als das was man ihrem Unterleib antat sie nicht zum Verstummen brachte, lieferte man sie in ein Sanatorium ein.

„Wer nicht schreiben kann, braucht sich erst gar nicht lange mit Sehnsucht aufzuhalten.“ Textzitat Irene Dische

Man riss sie heraus aus ihrer Familie, verheiratete ihre vier Töchter innerhalb eines Jahres, ohne das sie es überhaupt erfuhr. Ihr Bruder „Dickie“, Louis Francis Albert Victor Nicholas, der 1. Earl Mountbatten of Burma, zu dem auch später Prinz Charles eine enge Bindung hatte, betreute derweil ihren einzigen Sohn Philip, gab ihn in ein Internat. Mehr als zwei Jahre verbrachte sie unfreiwillig und isoliert in dieser Klinik am Bodensee. Kein geringerer als Sigmund Freud hatte ihr attestiert schizophren zu sein, ihr ekstatisches Beten wertete er als sexuelle Frustration. Ihre Familie sah sich im Recht.

Aus Battenberg wird Mountbatten. Alice flieht aus dem Sanatorium, lebt versteckt im Schatten ihrer Töchter in Deutschland, stellt sich tot.

Dann nimmt ein Flugzeugabsturz ihre eine Tochter und Alice, die Totgeglaubte, taucht bei der Beisetzung auf. Danach will sie nicht mehr in Deutschland bleiben. Kann es nicht. Sie kehrt nach Hause zurück. Nach Griechenland. Dort hält sie sich mittels BBC Nachrichten über die Nationalsozialisten und die Entwicklungen in Deutschland auf dem Laufenden. Nicht selten verpasst sie dem Radio Ohrfeigen und bangt um ihre Familie. Um ihre Töchter, die allesamt mit Nationalsozialisten verheiratet waren und in deren Geist agierten, weswegen sie und Philip sich überworfen hatten. 

Alice, in ihrem Glauben verwurzelt, sucht nach einer Aufgabe, eröffnet eine Suppenküche und speist die Armen, nimmt das Geld aus ihrer Apanage und teilt. Agiert im selbstgenähten Nonnenhabit, als ihr das Geld ausgeht, verkauft sie einen weiteren Diamanten aus dem königlichen Familienschmuck.
Dann wird sie unversehens zur Heiligen, nachdem sie einem kleinen Mädchen helfen konnte, es heilte durch bloßes Handauflegen. Hatte Gott ihr eine Gabe geschenkt von der sie bislang nichts ahnte? So wie diese vermeintliche Gabe kam ging sie wieder. Das Kind starb und das Blatt wendet sich erneut gegen sie …

Irene Dische, geboren am 13. Februar 1952 in New York, die Schriftstellerin lebt mit amerikanischer und österreichischer Staatsbürgerschaft in Rhinebeck/New York und Berlin, wurde ausgezeichnet mit dem Deutschen Kritikerpreis (1989) und dem Deutschen Jugendliteraturpreis (1998), zuletzt erschienen von ihr die Romane Die militante Madonna (2021) und Prinzessin Alice (2025), erzählt hier und wie.

Als stilistisch eigenwillig würde ich diesen schmalen Roman von ihr über die hochadlige Prinzessin von Battenberg einordnen, wählt sie doch eine Ich-Erzählstimme, die naiv und duldsam anmutet, die aber durch ihre Gabe sich immer wieder aufzurappeln besticht. So unfassbar grausam und perfide ist der Plan der Schwägerin Marie Bonaparte, der dann auch noch aufgeht. Sie ist es in dieser Geschichte, die Sigmund Freud für ihre Zwecke einspannt, der Alice eine paranoide Schizophrenie attestierte und der mit dafür sorgte, das man sie zunächst zwangssterilisierte und dann gegen ihren Willen in einem Sanatorium am Bodensee wegsperrte.

Was für eine herb erzählte Geschichte ist das bitte? So gut passen Ton und Geschehen zusammen. Es ist, Als öffne man eine Zeitkapsel. Freundschaft oder Feindschaft, im besten Fall verbindet ersteres Kinder und Eltern, meint die Autorin, versucht zu erklären wie kompliziert das Verhältnis zwischen den betroffenen Parteien in diesem Fall war.

Was von alledem wirklich genau so gewesen sein mag? Die Grenzen verschwimmen, nicht zuletzt durch den Eingangs erwähnten Kunstgriff Disches, sich eines ich-erzählenden Tons zu bedienen, der einen aufmerken lässt, gekonnt mischt sie Fakten, Deutung und Fiktion und aus den Schatten der Geschichte tritt eine Frau vor uns, mit der wir mitfühlen, über die wir den Kopf schütteln, die ihre Familie liebt, uneingeschränkt und demütig, die sich durch ein durch und durch freundliches und gütiges Wesen auszeichnete. Ihre Angehörigen indes lässt die Autorin alles andere als gut wegkommen, was bei allem Übel überaus unterhaltsam ist. So müssen historische Romane sein, modern erzählt und so aufbereitet wie man es nicht erwartet.  

Wiebke Puls, liest wie gewohnt souverän und wunderbar. Sie gehört zu meinen Lieblingen unter den Hörbuch-Sprecherinnen, weswegen ich gerne in diesem Fall die Hörbuch-Fassung empfehle.

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