Gedichte von Anke Bastrop – mit Zeichnungen von Christine Stäps
Was macht Landschaft mit uns? Was macht sie mit mir? Die Ruhe und Stille in der baumlosen Weite arktischer Landstriche. Das sanfte Fließen eines Flußes, das Donnern eines Wasserfalls, das sich meinem Blick einfach mal nichts in den Weg stellt, am Berg? Wenn wir da Draußen sind, sollte es so sein: Wir dürfen bei uns sein, mit allen Sinnen aufnehmen. Oder diesen einen Sinn einmal ausschalten und die Augen schließen.
Naturgedichte beschreiben die Schönheit dessen was uns umgibt, manche auch Naturgewalten. Diese Dichterin geht einen Schritt weiter, sie vernetzt Technik und Natur, unterschiedliche Lebensformen miteinander. Lässt den Alltag ein. Eigenes Erleben, Fühlen und Denken. In uns alle sind Landschaften eingeschrieben. Verletzungen, Freude prägen uns, im Inneren wie im Äußeren. Unser Körper selbst ist eine Landschaft. Wir bestehen aus Hügeln und Tälern, tragen Narben, Falten, wandeln uns. Das Alter lässt uns schwinden, die Jugend wachsen.
Ohne Gebären kein Wachstum, ohne Saat kein Nachwachsen. Landschaften wären leer, öde, ohne diesen Prozess. Das ist es, was wir mit Landschaften gemein haben, das Vergehen und Bestehen. Anke Bastrop verbindet es dichtend miteinander, schreibt Wörter auf Zehenspitzen, tippt schwarze Buchstaben in die Dunkelheit, in der die Mondin aufgeht. Zitiert in ihre Verse Sätze anderer Literat:innen hinein, ich merke auf, bin ganz Auge und Ohr.
Schön klingt es, wenn sich diese Gedanken vielstimmig mit ihren verschränken, wenn einer von ihnen zum Nächsten führt. Simone Scharbert finde ich da zitiert, Volya Hapeyeva, Linah Atfah, Esther Kinsky und Emily Dickinson. Alles von mir verehrte Dichtende. Wie mir das gefällt! Dieses Verbindende, die Anfänge ohne Enden, das Durchlässige.
Erstaunlich ist dieses Dichten und ich frage mich, wie das geht. Was war da zuerst? Der eigene Gedanke oder der der Anderen? Hat Bastrop aktiv nach Passendem gesucht oder haben diese Sätze etwas in ihr angestoßen? Sie inspiriert. In jedem Fall ist es unglaublich gelungen, wie und was sie da zusammenfügt und sie hat meinen vollsten Respekt für dieses Schreiben, dessen Technik mir ein Rätsel geblieben ist, seine Stilistik hingegen hat mich rasch gekriegt. Weil sie ehrlich wirkt, so wie ihre Eröffnung, mit der sie uns in Gedichtform auseinandersetzt was ihre Gedichte sein sollen …
Meine Gedichte sollen Wasser sein
Grenzen sich vollsaugen
mit Licht.
Ich will in Bäume eintreten
mit der Stimme
einer Eule sprechen
die einen Traum
einen Traum sein lässt.
Keine Spur soll mich bezeugen
wie mein Kind
wenn es läuft.
Seine Schritte erschüttern
die Erde so wenig
überlassen Wege versteckten Nattern.
Anke Bastrop wurde 1982 in Halle geboren, sie ist gelernte Buchhändlerin, studierte Journalistik und Germanistik am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, veröffentlichte 2013 ihr Lyrikdebüt Pyrit titelt der Band. Pyrit, oder Katzengold sagt man bei uns zu diesem Gestein, dass golden glänzt wie das wertvollere Edelmetall und dadurch narren kann. Diesmal ist man mit ihr und dem Verlagshaus Berlin in verborgenen Landschaften unterwegs, ich darf Danke sagen, für dieses Besprechungsexemplar.
Hoffnung ist das Ding mit Federn. Wie es auch sei. Immer klangvoll, mal gedankenverloren, mal fließend, reiht sich in Anke Bastrops Langgedichten Satz an Satz. Ich hänge ihnen nach, versammle meine Gedanken, lausche ihrem Nachhall. Der in mir ein wenig vibriert. Ganz sanft streicheln ihre Ideen meine Leseseele, dann etwa, wenn sie mich in den Wald führt, wo wer herauskommt, nach Zirben duftet, wo das Wollgras meine Beine streift als wäre das nichts und doch ist da alles. Alles was man braucht um zu Atem zu kommen. Zur Ruhe. Ruhig haben auch sie mich werden lassen, diese Gedichte, die bevölkert sind von allerlei Getier und Ranken und Gedanken.
Verse sind das, die keine Melancholie brauchen um zu berühren, die sich modern und gegenwärtig lesen. Immer wieder thematisiert Bastrop die Sprache, Sprachen. Verwachsen ist sie mit uns, immer in uns anklopfend, mal trennend, mal Brücke. Welche Sprache spricht die Flora? Stumm drückt eine Dünenlandschaft über die der Wind streicht aus, was Weite ist.
Dazwischen immer wieder die Zeichnungen von Christine Stäps, wie hingetuscht wirkt Schwarz auf Weiß, wie Baumscheiben oder Blattadern. Ist das ein Ferkel? Ein Farnwedel? Eine Giraffe? Ein Lächeln? Meine Fantasie schlägt Purzelbäume beim Betrachten. Was hat mir das gefallen. Dieser Gedichtband mit seinem flexiblen Einband ist zudem ein Handschmeichler, hosentaschentauglich lädt er ein, ihn mitzunehmen nach Draußen. Um unter hohen Bäumen im lichten Schatten lesend, die Zeit zu vergessen.
Der Wind staubt Blüten ab, Bienen archivieren Farben in Pollen, Bäume stehen wie Geister ums Haus, Feinstaubalarm allerorten, die Landschaft in uns stumm.
Im letzten Kapitel dieser Sammlung spiegelt sich die hässliche Fratze des von Menschen gemachten Klimawandels. Sprach- und Machtlosigkeit, kindliches Hinterfragen, der Zerfall von Landschaften wie wir sie kennen und lieben. Wie schafft man es angesichts all dessen was uns fassungslos macht, mutlos, beharrlich weiterhin an das Gute zu glauben?
Vielleicht ist Anke Bastrops letztes Gedicht dieser sehr besonderen Sammlung mir deshalb das liebste. Weil es mir diese Frage beantwortet und sehr gerne überlasse ich mit diesem Auszug daraus ihr die letzten Wort in meinem Beitrag. Bitte gerne lesen, diese ihre Gedichte. Alle.
Woran ich trotz allem glaube
Ich glaube an Sehnsucht und Stille
an Antworten
die wie Häherfedern
aus dem Gedicht von Günter Eich in meine Hände fallen
Trauernde
die gegen das Verschwinden rebellieren
das Schmerzhafte in der Wut Gesänge, um Schultern gelegt Sprachbrücken
daran
dass Wünschen hilft
an jemanden
der hinter jemandem steht

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