<Auf einer Brücke werde ich stehen. Meinen Blick ins Wasser werfen. Wissen, dass er keinen Grund finden, nicht viel Zeit sein wird.>
Zitat Simone Scharbert – Alphabet des Wassers
Das Sturmtief, das in seiner Folge, am 14. und 15. Juli 2021, die Jahrhundertflut an der Ahr auslöste hieß Bernd. Der Pegel in Altenahr stieg auf sieben Meter in dieser Nacht bevor die Messstation zerbarst. Mindestens einhundertfünfunddreissig Menschen starben, mehr als achtausendachthundert Gebäude wurden zerstört, vierhundertsiebenundsechzig weggespült. Einhundertsechzig Liter Regen gingen auf den Quadratmeter nieder, über zweihundert Brücken wurden beschädigt und nur wenige davon sind fünf Jahre danach wieder aufgebaut worden.
Rund sechsundfünfzig Kilometer weiter nördlich, in Blessem, Nähe Erftstadt, traten die Erft, der Rotbach und der Liblarer Mühlengraben nach Starkregen über die Ufer. Die Erft suchte sich einen neuen Weg und flutete eine Kiesgrube. Eine Grubenkante erodierte, brach, mehrere Häuser und Teile der historischen Burg stürzten ein.
„We Ahr open“, wirbt das Ahrtal fünf Jahre danach wieder um Touristen. Die Bilder, dieser Flut haben sich in die Herzen und Köpfe so vieler Menschen geschrieben, die alle auf ihre Weise zu verarbeiten suchen, was es bedeutet, wenn man von jetzt auf gleich alles verliert, nur noch die Kleider am Leib besitzt.
Wir können angesichts solcher Geschehnisse immer gut mit Zahlen. Zahlen lügen nicht. Sagen wir, Erinnerungen sind trügerisch. Wenn wir ihnen keinen Halt geben. Eine meiner Lieblingsautorinnen, die bei Erftstadt-Blessem lebt, ihr Erinnern an die Flutwelle der Erft in Worte gefasst und wer sie kennt weiß, ihre Sätze bestehen nicht nur aus Wörtern und Satzzeichen, sie sind Preziosen.
Alphabet des Wassers von Simone Scharbert
Regentropfen dicht an dicht. Fallen. Zeichnen konzentrische Kreise in die Pfützen. Trommeln. Als riefen sie Kameraden dabei. Und die kommen. In Scharen. Wir werden bald nach Worten suchen. Nach Worten für Wasser. Simone Scharbert findet und sammelt sie. Von A bis Z.
Simone Scharbert,
<Tischtennisplatten Regale, Luftmatratzen. Das Wasser sortiert: in Dinge, die schwimmen, Dinge, die sinken. Ich stehe im Wasser, trage Gummistiefel. Bilder anderer Leben schwimmen um mich. Schwimmen länger als gedacht.>
Zitat Simone Scharbert – Alphabet des Wassers
Denke ich an Wasser, denke ich blau. Oder türkis. Transparent. Nie braun. Nie Schlamm. Nie Schlick.
Ich war noch in der Lehre, da überschwemmte ein Hochwasser unsere Stadt. Eine stinkende braune Brühe brachte alles mit von unterwegs, warf es am Ende der Straße vor dem Kellergeschoss meines Lehrbetriebes gegen eine Wand. Öltanks, Äste, Müll. Alle mussten helfen, Schlamm schippen, im verzweifelten Versuch zu retten was noch zu retten war. Sonst gab es nichts mehr zu tun.
Das Haus meiner Eltern, meiner Großeltern, lag zum Glück in einem Ortsteil auf einer Anhöhe und die Brücke, die wir zu queren hatten um in die Stadt zu gelangen wurde nicht fortgerissen. Auf diesen Brücken sind auch wir gestanden. Damals. So wie Simone Scharbert auf das Anschwellen der Erft geschaut hat. Zweifelnd. Ungläubig. Verzweifelt. Dem Wasser, das uns Lebensader ist, nicht mehr vertrauend. Haben uns gefragt wo all dies Wüten herkommt. So schnell. Haben uns in Sicherheit gebracht, gebangt und gewartet. dass der Pegel der Nahe wieder fällt. Fernsehbilder betrachtet mit Angst im Herzen. So wie Simone.
Mit der ihr eigenen Kreativität zeichnet sie für uns in ihrem Alphabet des Wassers feinfühlig und voller Poesie Wortbilder solcher und ähnlicher Szenen, eröffnet mir Gedankenräume, die über das unmittelbar Erzählte hinausreichen. Genau diese Fähigkeit, wie sie mit nur wenigen Worten Eindringlichkeit erzeugt, wie sie mich auf mich zurückwirft, fasziniert mich immer wieder auf’s Neue an ihrem Schreiben. Ihre Rosa in grau werde ich nie mehr vergessen und viele der Worte, die ich hier mit ihr lerne, viele Sätze auch nicht.
Die etwa, mittels derer sie aus dunklen Hausmägen auftaucht, wenn sie von endlosen Eimerketten und davon erzählt, dass sie ihren Blick an die Leine gelegt hat. Was nichts nützt. Helfen tat nur eine Hand. In ihrer.
Simone versteht es, Sprache neu zu denken. Immer. Weil sie Satzzeichen dort setzt, wo sie nicht hingehören und wo sie deshalb genau richtig sind. Sie experimentiert mit Worten, lässt Bedeutungen ineinanderfließen und findet Ausdrucksformen für das, was sich nicht ohne Weiteres greifen oder benennen lässt. Ihre Texte wirken sorgfältig komponiert, in diesem Fall wird das Wasser zum sprachlichen und gedanklichen Resonanzraum, zu etwas, das sich ständig verändert, Grenzen überschreitet, eine eigene Form findet.
Sprachliche Zugänglichkeit meets inhaltliche Tiefe. Ihr Ton, ihre Poesie sind nie nur schön, sie fordern dazu auf, genauer hinzusehen und zwischen ihren schimmernden Zeilen zu lesen. Manches erschließt sich mir erst beim Innehalten, anderes entfaltet seine Wirkung ganz unmittelbar. Wie wunderbar!
Ihre Lust am sprachlichen Experiment, ihr Blick für Details, ihre Aufmerksamkeit für Zwischentöne und ihr Vertrauen darauf, dass Worte mehr sein können als bloße Vermittler einer Geschichte, Simone Scharbert schreibt nie einfach über etwas, sie sucht nach einer Sprache, die fasst was nicht zu fassen ist. Unnötig zu sagen, wie sehr ich das mag.
Das gilt auch für die äußere Form ihrer Geschichten. Fadengeheftet, eingehüllt in ein dreifach eingerissenes Cover, sind diese, ihre <102 Versatzstücke entlang der Erft>. Mich erreichen sie liebevoll verpackt in ein transparentes, knisterndes Papier gehalten von einem wasserblauen Band. Mit ihrem Herzblut getränkt, ist ihr Wasser-Alphabet, stelle ich beim Lesen fest. Eigene innere Bilder spülte es in mir hoch. In mein Herz geschlossen habe ich es, wie schon andere Geschichten von Simone Scharbert zuvor. So ist das.
Klickt gern auf die Cover für mehr von mir über sie:



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