Unterleuten (Juli Zeh)

Sonntag, 20.08.2017

Welche Blüten der Windkraft-Subventions-Wahn in Rheinland-Pfalz getrieben hat, kann man auf den Höhen des Hunsrücks mittlerweile in unterschiedlichster Ausprägungen live erleben. Ganze Wälder dieser Beton-Kolosse sind auf den Freiflächen der Hochplateaus entstanden, das trotz mieser Energie-Bilanz. Den so gewonnenen Strom kann man immer noch nicht speichern, bei den häufig zu hohen Windlasten stehen die Räder sogar still. Die Tiefe der notwendigen Fundamente lassen den Grundwasser-Spiegel absinken, zerstören das Wurzel-Netzwerk auch weiter entfernter Waldstücke. Zahlreiche Bürger- und Umwelt-Intiativen haben sich gegründet und streiten gegen leere Gemeindekassen an. Die Energiewende in Deutschland – sie hat schon so manche funktionierende Dorfgemeinschaft in unserer Umgebung gesprengt …

Unterleuten (Juli Zeh)

Herzlich willkommen in Unterleuten! In einem Dorf wie viele andere. Mit Bewohnern, wie Sie, wie Du, wie ich.

Hier treffen Städter auf “Landflucht” mit Platzhirschen und Großgrundbesitzern zusammen. Entscheidungen zum Wohl und Wehe der Bürger werden nach Gutsherrenart getroffen, frei nach dem Motto “Eine Hand wäscht die andere”. Alte Feindschaften, alte Seilschaften, neue Freundschaften werden gepflegt und die “Alten” wissen was gut für alle ist. Dumm nur, dass ausgerechnet die Neubürger in der aufkeimenden Windkraftdebatte ständig Ärger machen und alle ach so sorgfältig unter dem Teppich versteckten Häufchen herauszukehren versuchen …

Ehegattinen die Partei ergreifen, werden hier schon mal unter umkippenden Gartenzäune begraben. Schwer verliebte IT-Nerds tun für das Lieblingspferd der Freundin einfach alles, das auch schon mal unter Zuhilfenahme eines Selbsthilfe-Forums für die Partner “pferdeverrückter” Frauen. Schriftsteller die nur dann schreiben können, wenn sie den ganzen Tag und zwar jeden Tag Rasentraktor gefahren sind, befinden sich in heftigem Zweikampf mit dem Ortsvorsteher. Über-Mütter und Vogelschützer wehren sich erbittert gegen gewissenlose Großbauern, politische Ränke und Intrigen inclusive.

Touristen auf “Kampfläufer-Safari”. Die Kampfläufer selbst, eine bedrohte Vogelart, treten mit Gelassenheit den kapitalistischen Begierden nach Windkraftanlagen entgegen.

Was den einen Heimat, ist vom LKA gesuchten Verbrechern eine Zuflucht. Im Parzellenpoker um Eignungsgebiete streiten sich die Parteien, dass die Fetzen fliegen. Hierbei heiligt der Zweck die Mittel, ob Dutz-Offensive oder wahre Unsummen, was zugelassen wird ist legitimiert.

Hier hat offenbar jeder mit jedem eine Rechnung offen. Ein Dorf wie im Fieber. Wie D-Züge aus rasender Fahrt prallen die Streithähne aufeinander. Rußschwangere Feuer sorgen für besinnungslosen Zorn auf der einen und für Machtlosigkeit auf der anderen Seite. Neid, Mißgunst und Fanatismus haben sich wie ein Virus ausgebreitet. Der Kitt der bislang Paar-Beziehungen zusammengehalten hat, beginnt unter dem Dauerfeuer des Dorfes zu bröckeln …

Herzlich willkommen in Unterleuten!

Juli Zeh wollte einen Gesellschaftsroman schreiben. Das hat sie geschafft und wie! 2016 veröffentlicht, erzählt sie aus einem fiktiven Dorf, das sie in Brandenburg verortet, von Verbündeten die zu Feinden werden, von Leidenschaft, ja Besessenheit, sitzt dabei quasi im Kopf ihrer Figuren. Aus unterschiedlichen Blickwinkeln erzählt sie ihre Geschichte. Wie unter einem Mikroskop betrachtet sie dabei das Dorfleben. Sie seziert Befindlichkeiten, Eigenheiten, Eigeninteresse und Vorurteile. Beinahe beängstigend lebensecht versammelt sie dabei ein buntes Völkchen in ihrem Unterleuten. Von je her auf dem Dorf wohnend, fand ich mich hier nicht nur einmal wieder. Erschreckende Paralellen drängten sich mir auf. Hut ab auch vor dieser Erzählkunst. Feinhumorig mildert sie die Tragik der Ereignisse.

Keine menschliche Eigenschaft scheint Juli Zeh fremd zu sein, alle zeichnet sie scharf, präzise auf den Punkt und mit einer für mich sehr schlichten, sachlichen Art. Aus Tätern werden Opfer, aus Schuldigen Unschuldige, ein Verwirrspiel! Die Perspektiven wechseln in rascher Folge, als Leser muss man sich immer wieder selbst neu justieren. Wem ist man bereit Glauben zu schenken, wer hat das eigene Vertrauen mißbraucht?

Was hat mir am Besten gefallen? Ganz klar – das “dicke Ende”, fulminant und zwangsläufig. Im Sterben wie im Leben konsequent, würde ich da mal sagen, Mann oh Mann!

Hörbuch vs. Roman:

Helene Grass macht in der Hörbuchfassung ihre Sache als Vorleserin gut, kann mich aber nicht abholen. Sie schafft es nicht die Eindringlichkeit herzustellen, die das geschriebene Wort erreicht. Nach den ersten gehörten Teilen hätte ich beinahe schon aufgegeben, haderte auch bisweilen mit ihrer Stimmfarbe und Intonation. Bin dann für einige Kapitel zum Lesen gewechselt, bis ich richtig drin war in der Geschichte. Juli Zehs Sätze hallen gelesen im Kopf viel stärker nach. Eine für mich erstaunliche Erfahrung, hatte ich Hören und Lesen bislang nahezu gleich gewichtet, bzw. dem Hören ganz bewußt und ohne Reue den Vorzug gegeben. Konnte doch schon so mancher Vorleser nach meinem Empfinden dem Geschehen noch einen Mehrwert entlocken. Meine Entscheidung, welche Texte ich künftig höre und welche ich lese, werde ich hiernach noch sorgfältiger überlegen …

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