Der Gefangene des Himmels (Carlos Ruiz Zafón)

Sonntag, 25.02.2018

Als hätte er Widerhaken, so hat er sich festgekrallt, dreht sich mit mir im Kreis, bis ich Kopfschmerzen habe. Den Schlaf hat er mir schon geraubt in der letzten Nacht, hat mich erschöpft, mich ruhelos gemacht.

Was für eine Macht er hat. Er macht mich rastlos, zehrt meine Konzentration auf. Ganz gleich, was ich heute auch anfange. Immer, immer wieder komme ich zu ihm zurück. Zu diesem einen Gedanken. Er fährt mit mir Karusell, ohne Anfang, ohne Ende, immer schneller. Er läßt mich wütend werden, wütend darüber ihn nicht abschütteln zu können.

Schließlich fasse ich Mut, plane die Flucht, lege mir eine Taktik zurecht, gehe eine Seilschaft ein, ergreife die Hand eines Herzensmenschen und breche aus, aus meinem Gedanken-Gefängnis …

Mit Gefängnissen und dem Gefangensein scheint er sich bestens auszukennen. Von echten und mentalen Ausbrüchen erzählt uns Carlos Ruiz Zafón, hier in seinem dritten Barcelona Roman, fesselnd und eindringlich:

Der Gefangene des Himmels

1939. Castello Montjuic, Barcelona.

In dieser pechschwarzen Nacht sickerte der Regen aus den Mauerspalten des Castellos in feinen Rinnsalen wie Tränen herab. Das stets hungrige Gefängnis auf dem Felssporn hoch über Barcelona, wurde auch heute im Schutz der Dunkelheit mit neuen Mietern gefüttert. Die politischen Gefangenen, die hier eingeliefert wurden wussten, dass sie diese Mauern nicht mehr lebend verlassen würden. Zitternd, frierend und völlig durchnäßt stand der neue Gefangene und künftige Insasse von Zelle Nr. 13 jetzt vor seinem Ankläger, dem gefürchteten Direktor auf dem Montjuic. Aus kühlen blauen Augen musterte dieser das unscheinbare, schlotterte Männlein, das sich nackt und verwundet vor ihm duckte …

Ein feuchtes Loch, in dem die Geräuche in vollkommener Dunkelheit widerhallten. Auf allen Vieren kroch unser Gefangener näher an einen schattenhaften Umriß in der hinteren Zellenecke heran. Dort war ein Sack aus grobem Segeltuch auszumachen, dem ein fürchterlicher Gestank entströmte. In der Hoffnung Kleidung, oder eine wärmende Decke zu finden, öffnete er den Sack und sah sich einem Mann gegenüber, der ihn mit toten, offenen Augen aus den Falten des schäbigen Seesacks heraus anstarrte …

Die Tage seit sie ihn in das Gefängnis auf dem Montjuic verschleppt hatten, waren für sie zäh wie Sirup vertropft, ohne jegliche Aussicht darauf ihm von außen irgendwie helfen zu können. Dann war überraschend diese Einladung gekommen, so spät in der Nacht war Isabella dieser nur widerwillig gefolgt. Jetzt saß sie ihm hier wieder gegenüber, diesem Widerling von einem Gefängnis-Direktor, der tatsächlich die Dreistigkeit besaß, ihr einen Kamillentee mit Honig anzubieten, als sei dies hier ein Tanz-Tee zu später Stunder. Schon nachdem sie die ersten Schlucke getrunken hatte, war ihr nicht gut gewesen, schwankend hatte sie es mit letzter Kraft noch nach Hause geschafft, von Krämpfen geschüttelt. In den folgenden Tagen, hustete sie Blut, wurde immer schwächer und schwarze Flecken begannen ihren Körper zu überziehen …

Textzitat, Kapitel 75: “Ich suchte nach dem Mann, der meine Mutter umgebracht hatte, um die Scham vor seinem wahren selbst zu verbergen, das offensichtlich auch sonst niemand aufzudecken in der Lage war. An diesen einsamen Abenden, in der alten Athenäus Bibliothek, lernte ich zu hassen. An einem Ort, wo vor nicht allzu langer Zeit meine Sehnsüchte reineren Dingen gegolten hatten …”

Carlos Ruiz Zafón, erfolgreicher Geschichten-Erzähler aus Spanien. Seine Satz-Architektur folgt einer ganz eigenen, wunderbaren Melodie. Schon die beiden vorangegangenen Bände “Der Schatten des Windes”, sowie “Das Spiel des Engels” haben mich zu seinem Fan werden lassen. Dieser dritte Teil seiner Barcelona-Reihe aber hat es mir, zugegeben, besonders angetan.

Zafon erzählt uns von verlorenen Seelen, enger Bindung, tiefer Freundschaft, von politischen Ränkespielen, Emporkömmlingen und Machtspielen. In seinem dritten Barcelona Abenteuer erleben wir Erschießungskommandos, Massengräber und dem Wahnsinn anheim gefallene Schriftsteller ebenso, wie rauschende Hochzeitsfeste und Eifersuchtsdramen.

Auch hier werden Daniel Sempere und Fermin wieder Detektive in ihren eigenen Leben.

Die finsteren Gefängnisszenen blieben mir dabei beklemmend nachdrücklich im Gedächtnis. Fassungslos angesichts des geschilderten Martyriums der Gefangenen, macht man sich klar, dass diese Ereignisse nicht nur der dichterischen Freiheit eines Autors entsprungen sind, sondern sich so, oder ähnlich in einem menschenverachtenden Regime, mitten in Europa abgespielt haben.

Das Wiedersehen mit Fermin Romero del Torres war mir ein echtes Fest. Dieser unerschütterliche, humorvolle Freigeist war schon meine Lieblings-Figur im Schatten des Windes. In dieser Geschichte wird er von der Neben- zur Hauptfigur, hier erfahren wir endlich mehr über seine bewegte Vergangenheit, deren Schatten noch immer nach ihm greifen. Trotz aller Tragik ist wegen seines Humors dieser Teil einmal weniger melancholisch geraten, er wirkt leichter, pointenreicher. Die Sprüche die Zafon seinem Fermin in den Mund legt sind einfach nur genial. Der Schalk, der ihm im Nacken sitzt macht Laune. Fermin schwadroniert sich unverdrossen um Kopf und Kragen, bleibt dabei aber immer echt und sehr eigen. Beschützer, Freund und schlagfertiger Windhund, ausgestattet mit einem großen Herzen und einer mehr als ausgeprägten Leidensfähigkeit.

Was Alexandre Dumas “Der Graf von Monte Christo” mit all dem zu tun hat, und auf welches Schloß der Schlüssel zur Zukunft wohl paßt? Und ja, mit der Entscheidung, wer Isaac Montfort als Wächter des “Friedhofs der vergessenen Bücher” nachfolgt, kann ich sehr gut leben und ich freue mich wie ein Schnitzel auf Teil vier der Reihe, der jetzt noch unentdeckt vor mir liegt …

Textzitat, Kapitel 88: “Wir streiften durch die Gassen des Viertels und hämmerten uns wie immer die Welt zurecht, bis sich der Himmel zaghaft purpurn färbte. Zeit, dass der Bräutigam und sein Trautzeuge, also ich, sich auf den Wellenbrecher setzten um einmal mehr, vor der größten Fatamorgana der Welt die Morgendämmerung zu begrüßen. Vor dem Barcelona, dass sich vor dem Aufwachen im Hafenwasser spiegelte …”.

Hörbuch-Fassung:

Andreas Pietschmann, geb. 1969, Theater- und Fernsehschauspieler, Lebensgefährte von Jasmin Tabatabei, ist der dritte Sprecher für den dritten Teil der Hörbuch-Reihe des Argon Verlages. Nach Uve Teschner und Gerd Wameling, liest er hier einfühlsam und stimmlich angenehm. Er weiß die einzelnen Charaktere zu betonen, liest dabei den Gefängnisdirektor schlangengleich, einschmeichelnd, leutseelig und verschlagen. Unseren Fermin hingegen pfiffig, witzig und hinreissend parlavrierend. So wird dieses Hörbuch zu einer runden Sache!

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